Hauskatze
Sandkatze
Eurasischer Luchs
Gepard
Hauskatzen am Topkapi

Kapitel 32 - Schwere Zeiten

Am liebsten würde ich dieses Buch hier abschließen. Einfach schreiben: ... und sie lebten noch lange und glücklich. Leider erzähle ich kein Märchen, sondern ich habe, so gut ich konnte, alles so erzählt, wie es sich begeben hat. Nur: das Ende ist soviel schwieriger als der Anfang. Mit wie viel Begeisterung hatte ich mich in das Abenteuer des Zusammenlebens mit meinen Tieren gestürzt! Vielleicht hätte ich damals einen Ring ins Meer werfen sollen, wie weiland Polykrates. Aber das hat dem Herrscher schließlich auch nichts genutzt, er konnte schon ein Jahr später seinem Erzfeind Satrop Orötes nicht entkommen. Das war vor etwa 2500 Jahren und die Grilligkeit menschlichen Schicksals ist noch immer die gleiche. So rollten unsere symbolischen Ringe uns von ganz allein davon.

Die Katzen liebten die geräumigen Außengehege sehr. Im Sommer hatte die Luken zu den Freigehegen oft auch in der Nacht offen gestanden. Die Katzen liebten ihren "Urwald", das hohe Gras, in dem sie Insekten fangen und Versteckspielen konnten. Auch die unkastrierten Kater waren zufrieden mit ihren Unterkünften und den Ausläufen, in denen sie einander sehen konnten, ohne sich zu verletzen, in die sich ab und zu Schmetterlinge verirrten, wo es Sonne und Schatten gab und viel zu sehen. Sie hatten rechts und links freien Ausblick auf die umliegenden Felder, auf denen früher die Obstbäume gestanden hatten, und vor ihnen lag unser eigener Obstgarten, in dessen Zweigen immer höchst interessante Vögel herumturnten. Auch der Hund lief dort herum oder manchmal auch die Schafe oder die Hühner.

Im Spätherbst, wenn die Nächte zu kalt wurden, mussten wir die Katzen mit Futter, guten Worten, List und Tücke hereinlocken. Vor allem die Oncillas waren da sehr behände. Die schnappten sich ihr Futter und schleppten es nach draußen, ehe man sich's versah.

Eines Tages wollte unser kleiner, sehr anhänglicher Rex nicht kommen. Gerade er kam sonst immer schnell, wenn man ihn rief. Endlich erschien er. Er hatte eine Ratte im Mäulchen.

Wir wussten, daß es Ratten in den Gräben ringsherum gab. Die Gräben waren Eigentum der Gemeinde und bildeten gleichzeitig die Grenze für unseren Besitz. Ab und zu konnte man in der Dämmerung einmal eine Ratte am Wasser entlang huschen sehen. In regelmäßigen Abständen sah man, wie Gemeindebeamte sich an den Gräben zu schaffen machten. Sie legten irgendein Rattengift in die Höhlen dort and dann war wieder für einige Zeit Ruhe. In die Nähe unseres Hauses kamen sowieso keine Ratten, dafür sorgten schon unsere tüchtigen Hauskatzen. Diesmal mußte sich doch eine Ratte zu uns verirrt haben und Rex hatte sie gefangen. Wir waren sofort alarmiert. Unter den Hauskatzen hatten wir nur einen "Rattenfänger", einen kastrierten Kater, und der tötete die Ratten zwar, legte sie aber dann vor unserer Küchentür ab, wie das so üblich ist bei jagenden Katzen. Aber bei Rex waren wir nicht so sicher, was er mit der Ratte tun würde. Wir versuchten ihm die Ratte abzunehmen, aber er war schneller als wir. Er flüchtete zurück nach draußen und wollte nicht wieder hereinkommen. Mein Mann ging ins Freigehege, aber er konnte nichts mehr sehen, musste erst eine Taschenlampe holen, fand dann Rex in seinem Versteck und endlich gelang es ihm, Rex ins Haus zu dirigieren.

Ich machte schnell das Türchen zu. Wir waren sehr erleichtert, daß Rex die Ratte scheinbar verloren hatte. Am nächsten Morgen würden wir sie suchen müssen, ehe die Türen zum Freigehege geöffnet wurden. Rex benahm sich ganz normal und sah sehr stolz aus. Wir gingen beruhigt schlafen.

Am nächsten Morgen sahen wir, daß Candy und noch zwei der Oncillas auf der Diele um etwas herumsaßen, und als wir näher kamen, sahen wir, daß das "Etwas" unser lieber, kleiner Rex war und er war tot. Er war so zärtlich gewesen und voll Vertrauen zu uns. Es war die erste erwachsene Oncilla, die wir verloren, und es war sehr schlimm für uns. Rex war im Frühjahr 1967 geboren. Jetzt war er grade viereinhalb Jahr alt, noch so jung. Wir machten uns große Vorwürfe, daß wir die Katzen nicht eher hereingerufen hatten. Aber wer hätte so etwas ahnen können?

Wir begruben Rex im Garten und pflanzten eine Rose auf sein Grab, eine vollkommen irrationale Gebärde, wie man sie nun einmal nötig hat, um die Härte des Unveränderlichen mit etwas Lebendem zu bedecken.

Von nun an wurden die Katzen am Abend eher hereingerufen, so leid uns das auch tat. Sie waren gerade in der Dämmerung so gern im hohen Gras, ihrem "Privat-Urwald".

Die Trauer um Rex war nicht meine einzige Sorge. Schon in Arnheim hatte mein Mann Probleme mit seinem Herzen. Er bekam zwar Medizin, aber die wirkte immer weniger. Eines Abends kam er nach Hause und sah kreidebleich aus. Ein Stunde später lag er schon im Krankenhaus mit einem Herzinfarkt. Es war, als ob mir der Boden unter den Füßen weggeschlagen wäre. Wir taten immer alles zusammen, fütterten gemeinsam die Katzen, auch wenn er noch so viel Arbeit hatte. - Diese lähmende Angst!

Als ich aus dem Krankenhaus nach Hause kam, war es schon Nacht. Ich mußte den Katzen noch ihre Abendmahlzeit bringen. Wenn wir einmal mit Verspätung fütterten, dann waren die Katzen immer sehr ungeduldig, miauten, sprangen gegen die Tür. Heute waren sie auffallend still, als ich allein hereinkam. Buena sah mich mit ihren großen Augen an, als wollte sie fragen: "Wo hast du meinen besten Freund gelassen?" Sie wollte ihr Fleisch nicht annehmen. Es war, als ob meine Sorgen auf sie übergesprungen wären. Mehr noch als alle Katzen überhaupt, hatte sie ein unerhörtes Gespür für unsere Stimmungen. Eine rationale Erklärung dafür habe ich niemals finden können. Solche unerklärlichen Erfahrungen habe ich of mit meinen Katzen gemacht. Ich habe den Eindruck, daß Katzen in einem ausgesprochen sensiblen Kontakt mit ihren Menschen stehen und deren Gedanken oder Stimmungen auffangen.

Nachdem ich unsere Kinder angerufen hatte und ihnen erzählt hatte, was passiert war, gab ich auch Jantje sein Futter und ging in mein Bett. Jantje ging zum Bett meines Mannes, kam dann wieder zu mir, legte sich in meinen Arm und leckte mir die Tränen vom Gesicht. Wir haben alle beide nur wenig geschlafen in dieser Nacht.

Zum Glück erholte sich mein Mann bald und schon nach einer Woche sagte die Krankenschwester: "Ihrem Mann geht es schon wieder so gut, daß er sein Büro scheinbar ins Krankenhaus verlegt hat." Es sah tatsächlich so aus. Der Tisch in seinem Zimmer lag voller Akten, das Telefon neben ihm klingelte in regelmäßigen Abständen. Ich sprach mit dem Arzt darüber, aber der sagte: "Wenn wir Ihrem Mann die Arbeit verbieten, regt er sich nur noch mehr auf. Fahren sie, so bald er aus dem Krankenhaus entlassen wird, mit ihm in die Ferien, möglichst weit weg von seinem Büro."

Also wurden Ferienpläne gemacht. Nur, wer passte auf die Tiere auf? Meine Hilfskräfte waren zwar fleißig, aber die Verantwortung für die Gesundheit und Sicherheit der Tiere konnte ich ihnen nicht überlassen. Marion hatte inzwischen den eineinhalbjährigen kleinen Sohn Maarten und ihren kurz zuvor geborenen Sohn Wouter zu versorgen. Einen zweiten Hund hatten sie jetzt auch noch, eine kleine Corgihündin Silky. So hatte Marion alle Hände voll zu tun, aber Gerard war bereit, zwei Wochen seiner Ferien zu opfern und bei uns "aufzupassen". Es gefiel ihm gut auf unserem Hof und er liebte alle unsere Tiere sehr und wusste, was sie nötig hatten. Wir konnten ruhigen Herzens für vierzehn Tage in die Schweiz fahren.

Jeden Abend riefen wir zu Hause an und in der ersten Woche waren alle Berichte gut. Aber eines Abends klang Gerard am Telefon völlig verstört. Er war zu den Katzen gekommen und da hatte Milagro tot auf der Erde gelegen.

"Ich verstehe das nicht, gestern war er noch so fröhlich. Ich glaube, er hatte sogar eine Maus gefangen!", sagte Gerard. Das mußte also tagsüber geschehen sein, denn gerade Gerard holte die Tiere zeitig herein, weil er sich so sehr für sie verantwortlich fühlte. Zu unserer Trauer um Milagro kam noch, daß es uns so leid für Gerard tat, der sich so viele Mühe gab und nun eine so erschreckende Erfahrung gemacht hatte. Die Ferien waren uns gründlich verdorben und wir überlegten, ob wir sie abbrechen sollten. Aber es würde doch nichts mehr ändern und mein Mann hatte die Erholung so nötig. Auch wenn wir jetzt gleich nach Hause gefahren wären, hätten wir damit Milagro nicht mehr retten können. Wir hatten mit unseren Tieren die Freiheit und die Natur aufsuchen wollen, aber die "Zivilisation" hatte uns auch dort eingeholt.

Als ich wieder zu Hause war, lief ich als erstes zu den Katzen, sah mich um, als ob ich nicht doch Milagro noch irgendwo auf seinem Lieblingsplatz sehen würde. Der menschliche Geist hat eben Mühe, die Dinge zu akzeptieren, die er nicht selbst erlebt hat und die er eigentlich nicht akzeptieren will.

Hermien, die seit Jahren meine beste Freundin gewesen war, hätte mich jetzt sehr getröstet, wenn wir noch in Arnheim gewohnt hätten. Nun schien sie eine Welt weit entfernt zu leben. Wir telefonierten zwar noch oft, aber der Abstand machte sich bemerkbar. Sie hatte uns kurz nach dem Umzug besucht und die Einrichtungen für die Katzen entsprechend bewundert. Aber die "Trennung von Tisch und Bett" von unseren Katzen gäbe ihr ein ungutes Gefühl, sagte sie. Das schöne Bauernzimmer, in das meine alten Möbel, Familienstücke, die schon seit Generationen in der Familie waren, so gut passten, gefiel ihr nicht so gut wie den meisten unserer Besucher.

"Ich vermisse die Katzen auf jedem Stuhl und Schrank. Du hast Dich den Gesetzen des gesellschaftlichen Durchschnittsgeschmacks unterworfen", sagte sie. "Lohnt sich das?"

"Ich hatte keine Wahl", war meine Antwort. "Ich habe mich angepasst, aber denkst du nicht, daß ich auch unser glückliches Tohuwabohu, das liebevolle Miteinander mit den Tieren in Arnheim gern so erhalten hätte? Aber du weißt genau wie ich, daß die "Guten", die "Ordentlichen" das Gesetz auf ihrer Seite haben. Und ordentlich ist man, wenn man nicht nach den Maßstäben des Wohlbefindens der Tiere lebt, sondern nach den Maßstäben der gutbürgerlichen, meist ziemlich kleingeistigen menschlichen Gesellschaft. Die findet "wilde" Tiere in einem Wohnhaus gefährlich, weil sie die eben nicht kennt und nicht weiß, daß die wirklichen Wilden draußen herum lauern und sich mokieren. Es bestand schließlich die Möglichkeit, daß ich auf die Dauer in der Stadt mit meinen vielen Tieren den Kürzeren gezogen hätte. Du hast ja an meinem Geburtstag gesehen, wozu Eifersucht und Bosheit führen können. Dem habe ich zuvorkommen wollen. Wenn jemand uns Buena und die Oncillas weggenommen und sie in einen Zoo gesperrt hätte, weil sie "dahin gehören", dann wäre das für die Tiere und für uns weitaus schlimmer gewesen, als das veränderte Leben hier."
"Möglich", sagte Hermien, "aber warum hast du nicht mit deinem dummen Katzensport aufgehört, diesem Hobby, in dem du schließlich nicht nur nette Leute triffst? Dann hätte sich dein Tierbestand in Grenzen gehalten und ihr hättet in Arnheim bleiben können. Dein Haus war für mich immer etwas ganz Besonderes, eine Symbiose von Zivilisation und Natur. Ihr wart glücklich und die Tiere waren glücklich. Mit deiner so genannten Anpassung hast du das aufgegeben."

"Ich habe Sicherheit dafür eingetauscht. Hier ist agrarisches Gebiet. Niemand wird hier gegen Tiere, von welcher Art auch, protestieren. Und ich muss dir ehrlich sagen, daß ich mich noch nirgendwo so zu Hause gefühlt habe wie hier in diesem alten Haus. Es ist mein Traumhaus. Und die Tiere haben es hier gut und viel mehr Platz.“

"...und weniger Kontakt mit Eurem Leben.", sagte Hermien und ging bald wieder. Wir blieben gute Freunde, aber wir sahen uns nur noch sehr selten.

Wir waren noch nicht am Ende unserer Pechsträhne. Es war ein schwülwarmer Tag im Sommer 1972. Am Abend zog ein Gewitter auf. Als die ersten Blitze am Horizont zu sehen waren und sich ein Regenschauer ankündigte, fiel mir ein, daß ich die Wäsche noch draußen hängen hatte. Gerade in dem Augenblick klingelte das Telefon. Unser Telefon klingelte den ganzen Tag über, seit ich mich in die Welt des Katzensports gestürzt hatte, oft sogar noch spät am Abend, und keines der Gespräche war kurz. Sie kosteten mich mehr Zeit, als ich dafür übrig hatte und während der Krankheit meines Mannes waren sie ausgesprochen hinderlich gewesen. Da ich aber nicht energisch genug bin, um lange Gespräche kurz abzubrechen, zog ich den Telefonstecker am Abend aus der Steckdose, wenn mir nicht nach Telefonieren zu Mute war. So auch jetzt. Herrlich, Ruhe!

Am nächsten Morgen früh schloss ich, wie immer, gleich das Telefon wieder an und sofort klingelte es. Meine Schwiegertochter war am Apparat: "Wir haben die ganze Nacht über versucht, Euch zu erreichen. Marions Haus ist heute Nacht abgebrannt, ein Blitz ist eingeschlagen. Sie sind alle gesund, aber alles andere ist verbrannt. Freerk und ich fahren jetzt hin, um zu sehen, ob wir helfen können. Sie sind bei Freunden, die Telefonnummer ist: ..."

Das sind so Dinge, die man nicht gleich erfassen kann. In Romanen haben die Menschen immer Vorgefühle von sich näherndem Unheil. Dieser Blitz traf uns alle im wahrsten Sinne des Wortes aus heiterem Himmel. Er hat mehr Unglück gebracht, als man so erzählender Weise wiedergeben kann.

Ich rief sofort die Nummer der Freunde an, die Marions Familie aufgenommen hatte. Es war eine ganz andere, wie betäubte Marion, deren Stimme ich hörte. Sie sagte mir, daß die Kinder, Gerard und sie unverletzt seien, daß auch der Hund Robbie sich in Sicherheit hätte bringen können, aber daß die arme, kleine Silky, die Corgihündin mit ihren kurzen Pfötchen, in den Flammen umgekommen sei. Ich konnte das alles einfach nicht fassen, aber ich versuchte ruhig zu bleiben und sagte als erstes: "Marion, bitte mach eine Liste der Sachen, die Du jetzt am nötigsten brauchst." Sie sagte: "Mami, ich hätte nicht einmal das Papier und den Bleistift, um es aufzuschreiben."

Merkwürdigerweise ist dieser kurze Satz derjenige, der mir am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist. Dieses NICHTS. Wenn ich heute die Bilder von Menschen sehe, die flüchten müssen, deren Besitz in einem der immer irgendwo wütenden Kriege auf der Welt oder durch Naturkatastrophen oder andere Unglücke verloren gegangen ist, dann ärgere ich mich vor allem schrecklich, wenn im Kommentar gesagt wird: "Zum Glück sind Menschenleben nicht zu beklagen." ZUM GLÜCK! Welch ein Unsinn! Es gibt kein Glück in solchen Situationen, höchstens eine Reduzierung des Leidens. Von Glück im Zusammenhang solcher Situationen zu sprechen, klingt fast wie Ironie. Das Glück ist nicht nur das bloße Leben. Noch einmal abgesehen von der Tatsache, daß nur selten vom Leid der auch betroffenen Tiere bei solchen Unglücken gesprochen wird, ist den Menschen doch ein Stück ihres Lebens verloren gegangen, ihr Heim, ihr ihnen lieb gewordenes Eigentum mit den dazu gehörigen Erinnerungen, ihre vertraute Umgebung, das alles ist mit einem Schlag verschwunden. Das Glück ist mit der Umgebung zerstört, weitaus mehr, als wir uns da im bequemen Sessel vor dem Fernseher vorstellen können.

Ich kenne noch Leute meiner Generation, die im zweiten Weltkrieg Haus und Besitz verloren haben, entweder durch Bomben oder als Vertriebene aus den östlichen Teilen Deutschlands. Sie alle haben das "Damals" nie vergessen und sie alle leiden darunter, daß aus den jüngeren Generationen kaum noch irgend jemand Verständnis für ihre Gefühle aufbringt. Ein Teil ihres Lebens ist ihnen verloren gegangen. Jeder Flüchtling, ob es ein Mensch ist oder ein Tier, dem der Baum zerstört, der Wald verbrannt ist, das gefangen genommen und verschleppt wird, hat im wahrsten Sinne des Wortes "den Boden unter den Füßen verloren". Selbst ein Baum stirbt, wenn man ihm seine Grundlage entzieht. Auch Menschen können durch Unglücke "entwurzelt" werden, und nur wer innerlich stark ist, kann einer solchen Situation Herr werden.

Später hörte ich, wie alles geschehen war. Etwa zu der Zeit, als ich in Ingen das Gewitter in der Ferne am Horizont bewunderte, saßen Marion und Gerard während des Gewitters im Wohnzimmer. Plötzlich fiel das Licht aus. Gerard dachte noch einen Augenblick lang, daß eine Sicherung durchgeschlagen wäre und wollte durch die Küche zum Schaltbrett gehen, aber da stand die Küche schon in Flammen. Er rannte zurück, rief nur: "Marion, das Haus brennt, nimm du Wouter, ich nehme Maarten!" Sie mussten durch die brennende Küche zur anderen Seite des Hauses, griffen jeder eins der Kinder und konnten nicht mehr zurück. Über die Fensterbank konnten sie gerade noch ins Freie klettern, da war das ganze Haus mit seinem Strohdach schon ein Flammenmeer. Die beiden Hunde hatten bei ihnen im Wohnzimmer gelegen. Sie müssen wohl hinter ihnen hergelaufen sein. Robbie, der größere, hat wohl den Sprung über die Fensterbank geschafft, die kleine Silky mit ihren kurzen Pfötchen konnte so hoch nicht springen und musste in den Flammen zurückbleiben. Das Auto stand etwas entfernt vom Haus geparkt, darin konnten sie erst einmal die Kinder in Sicherheit bringen. Als Gerard merkte, dass Silky nicht bei ihnen war, wollte er noch ins Haus zurück, aber es war zu spät. Das ganz Haus brannte lichterloh!

Die Nachbarn erzählten später, daß sie gesehen hätten, daß ein Kugelblitz genau auf das Haus zugekommen war und dass das ganze Strohdach innerhalb von ein paar Sekunden in Flammen gestanden hätte. Innerhalb weniger Minuten war alles vernichtet, was sie so liebevoll aufgebaut hatten. Trotzdem: die Trauer um die kleine Silky und die Sorge darum, wie die Kinder auf den Schock reagieren würden, waren bei allem das Schlimmste. Der Jüngste war noch so klein, daß der Umfang der Katastrophe ihm nicht wirklich deutlich wurde. Aber der zwei Jahre alte Maarten trauerte um sein Spielzeug. Er wollte keine neuen Spielsachen, denn :"Das verbrennt ja doch alles wieder", war seine kindliche Reaktion. Eins ist mir aufgefallen: Die ganze Familie hat eine Eigenschaft aus dieser Zeit zurückbehalten, die so typisch für alle Lebewesen ist, die ihr Zuhause verloren haben: sie alle haben ihr Herz nie mehr so stark an die sie umgebenden Dinge hängen können, so tapfer sie sonst auch waren.

Niemand beschreibt das großartiger als Christine Brückner in ihrer Trilogie vom Leben der Maximiliane von Quindt, die mit ihren Kindern aus Pommern flüchten musste und alles zurücklassen muss. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Lebensbeschreibung die Bemerkung; "Habe ich das wirklich nötig?" Nichts will sie haben, was nicht unbedingt gebraucht wird. Die Dinge zum Liebhaben sind für alle Zeit verloren gegangen.

Wieder denke ich in diesem Zusammenhang auch an die Worte von Emilio Sanna, der die Gefangennahme des kleinen Elefanten beschreibt: "Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, dass das Tier sich in diesem Moment der endgültigen Wendung seiner Existenz voll bewusst war. Dass es erkannte, alles verloren zu haben - seine Freunde, seine Bindungen, die Erde, auf der es aufgewachsen war, seine Identität." Aber, Menschen finden fast immer Menschen, die ihnen weiterhelfen. Tiere werden von Menschen ihres normalen Lebens beraubt und gehen fast immer der Einsamkeit, meist sogar lebenslangen Quälereien entgegen, dem Vergnügen oder dem Wohlsein der Menschheit zuliebe.

Das Drama, daß der Familie unserer Tochter widerfahren war, war für einen Herzpatienten wie meinen Mann nicht gerade die beste Medizin. Er ging schon wieder regelmäßig zum Büro, aber es fiel ihm alles schwer. Anwaltspraxen waren zu der Zeit noch keine "Rechtsfabriken" wie heute. Die Kanzleien bestanden meist aus ein, zwei oder drei Juristen. Nach dem Tode seines sehr geschätzten Kollegen hatte mein Mann erst keinen anderen Mitarbeiter im Büro dabei haben wollen. Die Westfriesen sind so: "Ich mache das lieber allein." Für den Sohn machte er allerdings eine Ausnahme. Unser Sohn, der sein Jurastudium inzwischen beendet hatte, absolvierte seine dreijährige "Stage" in der Praxis meines Mannes. Das war ein Glück im Unglück, als mein Mann erkrankte. So war jemand da, der ihn vertreten konnte.

Das Füttern der Tiere am Abend musste ich je länger, je mehr allein besorgen. Mein Mann war zu müde und kraftlos. Er hatte sich erholen sollen, aber es ging ihm immer schlechter. Fast zwei Jahre später beschlossen die Ärzte, ihn zum ersten holländischen "Herzzentrum" in Utrecht zu schicken. Es war die Zeit, in der Professor Barnard seine ersten Herztransplantationen in Südafrika verrichtete. Die Herzmedizin stand am Anfang der revolutionären Entwicklung, die sie seitdem durchgemacht hat. Im St. Antonius Krankenhaus in Utrecht stellte sich heraus, dass drei der Kranzschlagadern am Herzen meines Mannes völlig verstopft waren. Lebenserwartung: noch etwa drei Wochen! Die Prozedur des "Dotterns" war noch nicht erfunden worden. Wenn mein Mann gerettet werden sollte, musste ganz schnell ein chirurgischer Eingriff vorgenommen werden. Es gab ein ganz neues Verfahren: eine "Bypass-Operation". Das könnte die einzige Rettung für meinen Mann sein, mit der Betonung auf könnte. Ohne Garantie natürlich, man hatte schließlich noch wenig Erfahrung. Natürlich habe die Operation sofort zu geschehen, sonst wäre es zu spät. Aber im günstigsten Fall könnte sie ihm wohl noch bis zu zehn Lebensjahre schenken.
"Sofort....aber das geht doch nicht. Meine Praxis!" hatte mein Mann gesagt und die Antwort war gewesen: "Die können Sie schnell vergessen, wenn Sie sich nicht sofort operieren lassen!".

Unser Sohn hatte seine Stage-Zeit gerade beendet. Er wollte nicht in der Anwaltspraxis bleiben, er hatte andere Berufspläne. Aber er sagte sofort alle anderen Verpflichtungen ab. Trotz des Risikos, eine wundervolle Berufschance zu verlieren, übernahm er die Praxis. Er tat es aus Liebe zu seinem Vater, aber er hat dadurch nicht nur meines Mannes und meine Zukunft gerettet, sondern auch die unserer Tiere.

Die Operation war riskant und für uns Angst einjagend. Trotzdem: mein Leben lang werde ich nicht vergessen, mit wie viel Fachkenntnis, Sorge und Verständnis dort in Utrecht gearbeitet wurde. Auch wir, die Familie, wurden "begleitet". Am Tage der Operation, die einschließlich der komplizierten Vorbereitungen fast den ganzen Tag dauerte, waren wir im Krankenhaus. In einem extra für uns reservierten Raum bekamen wir alle halbe Stunde von einer Schwester Bericht über den Stand der Operationsvorgänge. Wir saßen schweigend da und die Zeit wurde zur Ewigkeit. Erst am Abend wußten wir, dass die Operation gelungen war und mein Mann auf die Intensivstation gebracht worden war. Am nächsten Tag würden wir ihn sehen dürfen Die Narkose dauerte damals noch drei bange Tage, an denen wir ihn wie leblos liegen sahen, angeschlossen an vielerlei Geräte. Aber danach setzte langsam die Besserung ein.

Mein Mann war am 4. Dezember operiert, am Tage vor dem holländischen Nikolausfest. Die ganze Weihnachtszeit über fuhr ich jeden Tag hin und zurück nach Utrecht. Vor den Fenstern standen Weihnachtsbäume. "Wird es für uns noch einmal ein Weihnachtsfest geben?" fragte ich mich. Erst Anfang Januar konnte ich meinen Mann nach Hause holen. Es hat noch lange gedauert, bis mein Mann sich erholt hatte, aber er war gerettet.

Diese Zeit der Sorge hat sich für immer in mein Gedächtnis eingeprägt, unzählige Male habe ich daran zurückgedacht. Aber auch an das Gefühl der Dankbarkeit, daß mein Mann uns zurückgegeben wurde. Wir haben aus dieser Periode einen enormen Respekt vor dem Können der Ärzte und der Wissenschaft überhaupt übrig behalten. Das muß man auch einmal ehrlich sagen, wenn man auf die Wissenschaft schimpft, der Tierversuche wegen. Es hat eben alles seine zwei Seiten. Wie kompliziert es doch ist, eine objektive Meinung zu haben!

In diesen schweren Zeiten wurden die Tiere zwar gut versorgt, aber viel Zeit, mich extra mit ihnen zu bemühen, hatte ich natürlich nicht. Ich hatte, glaube ich, immer das Gefühl: Einmal wird es wieder so wie früher. Dabei ist ein Katzenleben so relativ kurz und die Jahre gingen dahin. Wie oft denke ich noch heute: Wenn ich doch nur jeden Tag hätte genießen können, als ich diese herrlichen Tiere, die ich so liebte und die mich so liebten, noch hatte!

Dies sollte ein Buch über Tiere werden. Während des Schreibens ist mir deutlicher denn je geworden, wie sehr das Los unserer Tiere mit dem der Menschen verbunden ist. Nicht nur das der Tiere, die in ihrer eigenen Umgebung von den Menschen bedroht werden, nein, auch das derer, die wir zu uns geholt haben, um sie zu lieben und zu versorgen. Ihre Sicherheit und ihr Wohlergehen ist an unser Schicksal gebunden.